Gerold Jäggle: Rede zur Preisverleihung des Premio Europeo Capo Circeo am 21.10.2016


Mille grazie per il Premio Europeo Capo Circeo. Ne sono honorato!    Vielen Dank für diesen Preis, ich fühle mich sehr geehrt!
Ich freue mich, daß Sie mir Gelegenheit geben, mich und meine Arbeit vorzustellen. Aus der Laudatio ging hervor, daß meine vielfältigen Verknüpfungen mit europäischen Themen Anlass waren, mir diesen Preis zu verleihen. Dazu gehören meine Tätigkeiten insbesondere in England und Frankreich, aber auch in meiner Heimat. Als Beispiel nannten Sie das Europäische Bildhauersymposium in Oggelshausen. Ein Kennzeichen meiner Arbeit sei der Ausdruck „gemeinsamer europäischer kultureller Identität“.

Aus den vorhergehenden Reden ging hervor, daß dieser Preis großen Wert legt auf die europäische Integration. Insbesondere ein besseres Verhältnis zu Russland war vielen meiner Vorrednern ein wichtiges Anliegen. Es wurde deutlich, daß das gemeinsame Ziel, das wir verfolgen, die Erhaltung des Friedens ist. 
Die Laudatio zu meinen Ehren brachte zum Ausdruck, daß ich diesen Preis für meine „Skulptur LNN“ erhalte, die im Auftrag der Firma Liebherr vor dem neuen Werk in Nischni Nowgorod aufgestellt wurde. Die neun Meter hohe Bronzeskulptur steht als Symbol für die guten Beziehungen zu Russland und seinen Menschen. 

Isolde Liebherr und Willi Liebherr im Vorwort zum Buch „Eine Skulptur für Russland“: „Wir freuen uns, mit dieser Bronzeskulptur ein Zeichen der Völkerverständigung setzen zu können.“
Die Gestaltung der Skulptur ist bewusst dem Konstruktivismus, einer bis heute relevanten russischen Kunstbewegung der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, angelehnt.

Nach der Oktoberrevolution 1917 schaute ganz Europa gespannt nach Russland, wie das kommunistische Experiment verlaufen würde. Es folgte eine Blütezeit in der Musik, Literatur, in der bildenden Kunst und in den Wissenschaften. Wladimir Tatlin (1885-1953) und Kasimir Malewitsch (1878-1935) prägten die Epoche der russischen Avantgarde. Wladimir G. Schuchow (1853-1939) entwickelte die Leichtbauweise in Stahl, die vollkommen neue Tragwerke ermöglichte. 

Die Hungersnot in Russland von 1929 und die folgende Stalin-Ära setzten den fortschrittlichen Kräften ein Ende. Es folgte die Zeit der Verfolgungen, der zweite Weltkrieg, unter dem Russland litt wie kein anderes Land, dann der Kalte Krieg. Die avantgardistischen Kräfte wurden ausgeschaltet zugunsten einer ideologisch begründeten Stilrichtung, dem Sozialistischen Realismus, einer staatlich verordneten Denkmalskunst. Die Politik bestimmte fortan, was Kunst ist, wie sie auszusehen hat und wem sie dienen soll.

Die „Skulptur LNN“ knüpft an die kreativen 20-er Jahre des letzten Jahrhunderts an und schlägt einen Bogen über den sogenannten „Sozialistischen Realismus“ in die Zeit nach dem eisernen Vorhang.
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